Mit dem Tretroller zur Zugspitze – Tag 4-6: Allgäu bis Zugspitze

Hier also der zweite Teil meiner Tretrollertour zur Zugspitze. Die ersten drei Tage ging es ja vom Brombachsee über Augsburg bis Landsberg. Und kurz danach gab es die ersten Anzeichen davon, dass ich wirklich in eine ganz andere Landschaft getretrollert bin: Kühe auf der Weide, die Häuser sind anders gebaut, die Gegend wird immer hügeliger.

Als Ortsname eines der zwei Wörter der Landessprache Ladoniens! Mein erster freier Urlaub vor ein paar Jahren war ja: „In 20 Tagen zur Mikronation Ladonien und zurück. Trampen und Wandern mit dem großen Rucksack. Essen und Übernachten wird sich ergeben.“ Phantastischer Urlaub! Der Tretrollerzugspitzurlaub ist ähnlich – aber organisierter.

Ladonien ist überhaupt ein tolles Land! Mit vernünftigen Ansichten zu politischer Mitbestimmung, Kunst und Architektur, Freiheit und Witzigkeit.
Praktischerweise war in die gleiche Richtung des Umweges zum Örtchen Waal dann auch ein Mittagessen auf der Karte zu sehen – neben all der geistigen Erbauung muss man ja auch für das Körperliche sorgen.
Hühner.
Nichts besonderes.
Die wachsen da wohl so.
Und laufen da um Tretroller herum und so.
Wie man das halt so macht als Landhuhn.
Im Gegenzug machen Touristen Fotos und opfern Teile ihrer Verpflegung.
Eine Win-Win-Situation für Tourist und Landhuhn.
Das war mein Übernachtungsort nach ein paar Kilometern im Allgäu. Ein schöner, trockener, windgeschützter Hang mit großen Kiefern für die Hängematte.
So herum war die Sicht auf das Tal bei der Übernachtung. Man sieht schon die tendenziell allgäuer Bauart der Häuser.

Ersten Morgen im Allgäu. Sonntag.
Umgeben nur von Dörfern könnte eine Frühstücksgelegenheit da vielleicht auch mal ein Stündchen dauern. Ich verlasse mich ja immer drauf, dass ich Essen schon finde. Immerhin habe ich auch an Essen nur wenig Gewicht mit. Also eine Handvoll Cashewkerne einwerfen und ein bisschen Trockenobst und los geht die Tretrollerei.

10 Uhr, erste Ortschaft, … natürlich kein geöffneter Bäcker.
6km weiter, nächster Versuch, Augen auf nach Bäckern oder Cafés.

Stattdessen vier Alphornbläser in der Mitte des Ortes!
Manchmal gibt mein Gehirn diese Impulse von „Das ist aber absurd! Hihihi! Sofort anhalten!“ Hier zum Beispiel.
Paar Meter zurücksetzen, Roller parken, sich zur Gruppe gesellen.
„Ist ja witzig, dass ihr hier spielt.“ Blick zur Seite. „Und ihr habt ganz schön was vor, mit zwei Kästen Bier für vier Leute!“
„Mir san normal zu siebt. Und jeder der hier zwoa Lieder zuhört, bekommt a Bier.“
Oha. Wie lustig.
Alphörner höre ich nicht jeden Tag (na ja, eigentlich eher ungefähr nie), ich bleibe natürlich stehen – als einziger Zuhörer.

Nach dem nächsten Stück: „Na, willst jetz a Bier?“
Haha, sie meinen das ernst. Nicht nur für die Locals sondern auch für beliebige Fremde, die gerade in Sportklamotten von einem Tretroller gestiegen sind. Nettes Angebot.
Aber um die Uhrzeit?? Sonntag Morgen um halb elf vor einem ernsthaften Frühstück?
Andererseits natürlich auch eine zu alberne Situation, um es nicht anzunehmen. Und rein praktisch gesehen wird die nächste Stunde Tretrollern sämtlichen Alkohol restlos verbrennen.

Hab wohl noch nie Bier zu so einer Uhrzeit getrunken, verblüffenderweise aber echt lecker.
(Wegen welchen Faktoren das Bier jetzt aber lecker war ist nicht ganz geklärt: a) nach körperlicher Betätigung schmeckt Bier leckerer als sonst, b) Hacker Pschorr ist einfach lecker, c) die absurde Situation wirkt sich positiv aus, d) mit freundlichen Menschen ist der Biergenuß größer, e) im Urlaub schmeckt Bier besser, f) Freude über die ganze Tour macht alle Getränke leckerer, g) sonstiges / whatever / Serendipity. Können wir in den Kommentaren unten diskutieren.)

Die Alphornbläser von Ingenried. Mit zwei Kästen Bier und guter Laune am Sonntagmorgen. Die komischen Hosen, die diese Menschen tragen, müssen diese Spendierhosen sein, von denen man ab und zu hört. Spendier-Mir-a-Bier-Hosen quasi.

Zum Glück übrigens dann ein paar Kilometer weiter doch noch ein Sonntagsfrühstück nicht aus vergorenem, sondern aus gebackenem Getreide.

Man kommt ja immer mal wieder an lustigen Wegesschildern vorbei. Albernerweise denkt man ja dann bei manchen auf „-au“ endenden Namen, dass es viel lustiger wäre, wenn sie mit „-sau“ enden. Vor allem auch, wenn man Null Ahnung hat, was ein „Peustel“ denn bitte sein soll.
Die Wieskirche hier drauf ist glaub ich ne volle Touristenattraktion. Auf jeden Fall sehr viele Menschen davor, weshalb ich das coronabedingt einfach mal weg lasse.
Wo wir schon bei Schildern sind: das hier ist ja auch witzig. Man liest es im Vorbeifahren … und dann schaltet sich mal wieder das Gehirn ein, dass man augenblicklich anhalten sollte! Zu großer Quatsch zum Weiterfahren. Also fix ein Bild machen und sich darüber freuen. 🙂

Bisschen Philosophie dazu: diese Freiheit muss man ja auch aushalten können, jede Richtung einschlagen zu dürfen, überall übernachten zu können, beliebig langsam fahren zu dürfen, und beliebige Pausen zu machen wenn etwas witzig, fotogen, interessant oder appetitanregend ist. Kann man eigentlich schon aushalten diese Freiheit. Man muss aber halt wissen, dass sie existiert und muss sich trauen das zu machen.

Zwischen Oberammergau (über Ettal) und Oberau steht oben an einer Kante der gut gemeinte Hinweis „Beginn der Schiebestrecke“.
Und die meinen das ernst: 20-25% abschüssig auf Kieseln, Erde, Steinen. Und so enorme Regenablaufrinnen, dass das Rollertrittbrett aufschleift, und einmal daraufhin der Roller so arg zur Seite rutscht, dass die Petersche Massenträgheit und die Tretrollersche Fahrspur schlagartig so inkompatibel werden, dass der Peter den Kürzeren zieht und mit wedelnden Armen und schnellen Füßen sich gerade noch auf dem Weg abgefangen kann und nicht mit Nase und Handballen bremsen muss. (Roller und Gepäck klatschen leider ganz jämmerlich auf die Strecke, aber alles bleibt heil.)
Nach dieser Begebenheit nimmt der Tretrollerfahrer das Schild etwas ernster – aber fährt trotzdem den Rest der Strecke hinunter ohne zu schieben. Bergab schieben, das wäre ja wirklich noch schöner!
Das sich unten befindliche Hinweisschild lässt nicht ganz erahnen, wie krass es vorher bergab ging.

Eine Nacht gab es übrigens auch in einem richtigen Bett. Hatte vorher kurz geschaut, ob ich irgendwo zum Spaß bei netten Leuten vorbei schauen könnte auf dem Weg. Und tatsächlich, die dazu verlässliche Quelle mind.laterne.de/Events zeigte den um30-Stammtisch in München, eine Zugstunde querab von der Tour entfernt. Bei schnellem Fortschritt als Tourabschluss geplant, alternativ eben als Tourpause. (Hofstadters Gesetz folgend natürlich Tourpause.)
Also Sonntagabend ein erfrischender Stammtisch mit netten jungen Mensanern, unter anderem hab ich eine Olympionikin kennen gelernt (hey, hallo, das passiert einem auch nicht jeden Tag) und anschließend eine ebenfalls vorher schon ausgemachte Übernachtung bei Ulrike in München. Extra ausgeruht am nächsten Vormittag ging es dann also Regionalexpress retour von München bis Bahnhof Oberau und wieder weiter Richtung Eibsee.

Es gibt bei Garmisch ein Tal, in dem ungefähr 300 solche Scheunen stehen!
Ein Tor zu einer Einfahrt in Garmisch-Partenkirchen. Man merkt schon irgendwie, dass man in einer Skigegend ist.
Bin mir nicht ganz sicher, was die Dame in diesem Brunnen darstellen soll. Ist das eine Gangsterrapperpose („jo, Alder!“) oder beobachtet die eine Sonnenfinsternis oder was?
Im „Pavillon“ Am Kurpark direkt dahinter kann man aber hervorragend essen!

Für den Montag ist auch ganz klar, dass es zeitlich nicht geht, zur Zugspitze zu kommen. Also war eine Übernachtung irgendwo ein paar Hundert Höhenmeter oberhalb des Eibsees geplant. Bis dahin waren es aber ja nur 20km. Also alles sehr gemütlich angegangen an diesem Tag. Oben am Eibsee angekommen dann auch eine Ehrenrunde um den See. Dessen Farbe ist ja auch so toll, dass man unbedingt darin schwimmen möchte – und bei 21°C Wassertemperatur ja auch durchaus machbar.
Geringes Gepäck heißt natürlich, dass man keine Badehose mit nimmt und deshalb an einem abgelegenen, uneinsichtigen Eck des Sees baden geht.

Blumen fotografiert der Peter ja seit Jahren leidenschaftlich. Die meisten auf dieser Tour an diesem und am nächsten Tag. Und manche Alpenblumen gibt es ja bei mir daheim nicht, da muss man die Chance nutzen.

Und dann stellt der Held der Tretrollerkunst um 18:00 Uhr plötzlich fest, dass man das nächste Stück Weg bis zur Hochthörle Hütte doch nicht laufen muss, sondern es einen offiziellen Radweg gibt! Reichlich spät für so eine Erkenntnis und um 500 Höhenmeter runterzureißen. Aber was tut man nicht alles, um morgen früh von so hoch wie möglich dann weiter zu marschieren…

Die Hälfte der Strecke da hoch wird halt geschoben. Möglich ist es trotzdem mit einem Tretroller – man muss es nur wollen!

Was man da oben zur Nacht lernen kann: Hirsche können nicht nur laut röhren, sondern auch die ganze Nacht.
Leiser als das Röhren ist das Knacken der Äste, wenn ein Hirsch durch den Wald stapft – wenn man Das hören kann, muss man sich fest vorstellen, dass Hängematten mit Tretrollerfahrern weder Futterquelle noch potentielle Feinde von Hirschen sind.
Und dann muss es einem mit dieser Arbeitshypothese halt trotzdem noch gelingen wieder ruhig einzuschlafen.

Am nächsten Morgen geht es dann zur Hochthörle Hütte. Diese hat natürlich noch geschlossen. Immerhin werden sich alle lahmen E-Bike-Touristen den ganzen Tag über wundern dürfen, dass da jemand mit einem Tretroller hochgefahren ist. 🙂

Man kann also tatsächlich mit einem Tretroller vom Brombachsee zum Fuß der Zugspitze! Ab der Hochthörle Hütte auf 1479 Höhenmeter geht es dann aber doch nur noch zu Fuß. Es sind ja auch nur noch 3,5km diagonale Luftlinie zur Zugspitz-Spitze – wozu aber halt auch 1400 Höhenmeter gehören.

Die nächsten Kilometer ab der Hochthörle Hütte bestehen dann aus Wandern und Bergsteigen. Ohne Sicherung – die braucht man ja auf dieser Route nicht, weshalb ich die ja auch gewählt habe.

Am ersten und zweiten Bild hier sieht man übrigens die gleiche grüne Wiese aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, was ich irgendwie witzig finde.
Weiterhin gibt es in den Alpen auch schöne Regenbögen und ausnahmsweise darf man an solchen Bildern auch mal ein bisschen mit dem RAW-Format herumspielen um das halbwegs vernünftig herauszubringen.

Und die Aussicht von oben auf den Eibsee. Ganz links die kleine Insel ist der Almbichl, zu dem ich gestern hinüber geschwommen bin. Rechts ist das Dingsdahotel, dem der ganze See gehört. Das Graue am Bildrand dann Parkplatz und die Talstation der Seilbahn Zugspitze, der Seilbahn mit dem Weltrekord an Höhenmetern ohne Pfeiler dazwischen, Weltrekord an längster Spannweite und Weltrekord an höchstem Seilbahnpfeiler. (Ob sie auch den Weltrekord für die teuerste öffentlich zugängliche Beförderung für 3000m Strecke haben weiß ich nicht, aber irgendwie liegt die Vermutung nahe…)

Von der Hochthörle Hütte zur Wiener-Neustädter-Hütte sind es 750 Höhenmeter und etwa 3 Stunden Berg hoch kraxeln.
Und das nach 5 Tagen und 250 Kilometern Tretrollern! War mir gar nicht so bewusst, dass das doch nochmal super anstrengend ist. Hatte ich wohl verdrängt vom letzten Aufstieg von vor zwei Jahren.
Auf jeden Fall sagt mir mein Körper irgendwo auf der Strecke, dass er echt keine Lust mehr hat da weiter zu gehen. Also kurzzeitig sagt er das. Nach ausgiebiger Konsultation mit den Zerebralneuronen stimmen alle überein, dass zumindest noch bis zur Wiener-Neustädter-Hütte aufgestiegen werden soll, dort Mittagessen und dann wieder abgestiegen werden soll.
Ein guter und kluger Entschluss.
Zum allerhöchsten Gipfel geht meine Brombachsee-Zugspitz-Tour 2020 dann eben nicht.

Auf der Wiener-Neustädter-Hütte hab ich witzigerweise fast keine Bilder geschossen. Na ja, diese Innenansicht muss dem geneigten Leser jetzt einfach mal genügen.

An der Hütte auf 2200 Metern angekommen sitzen zwei Typen am Tisch in der Sonne. Karte studieren, okay, Erbsensuppe und zwei große Getränke sind erscheinen als sinnvolle Ressourcenauffüllung. „Willst was zu Essen? Wir machen gerade bisschen Pause.“ Ach, das sind die Wirte da außen? Alles klar, setz ich mich dazu, ich hab ja jetzt keine Aufstiegseile mehr. Eine halbe Stunde in der schönen Sonne sitzen und mit den Hüttenwirten quatschen. Passt. Beim Essen in der Hütte merke ich nochmal wie platt ich bin.
Und wenn ich mir die weiteren 750 Höhenmeter ansehe und vor allem auch, wie wolkenverhangen das heute an der Spitze ist, ist das auch nichts Grandioses, was ich da heute verpasse.

Zu diesem wolkenverhangenen Gipfel wären es noch 750 Höhenmeter steile Felsen, also 3 Stunden hoch und 2 Stunden wieder runter. Heute auf jeden Fall aber nicht.

Nach der Mittagspause mache ich mich also wieder an den Abstieg. Hinreichend vorsichtig und etwas langsam bin ich immer noch. Ist einfach kein Tag an dem ich fit wie eine Gämse bin. Muss man ja auch nicht immer sein.
Also 700 Höhenmeter Abstieg zum Tretroller und zweitem Mittagessen an der Hochthörle Hütte, weitere 500 Höhenmeter Bergabfahrt zum Eibsee, und gleich noch weitere 250 Höhenmeter und 15km bis Garmisch und dann noch eine Zugfahrt über München zurück zum Brombachsee und die letzten 10km vom Bahnhof nach Hause.
Langt ja eigentlich auch für einen Tag.

Insgesamt eine super interessante, abwechslungsreiche Tour! Und auch nicht so anstrengend, wie das auf den ersten Blick klingen mag – Tretrollern ist tatsächlich sehr entspannend. Mit dem Fahrrad würde ich so eine Tour nie machen, das wäre mir zu anstrengend. Mit dem Tretroller hingegen ist das tatsächlich Urlaub.

3 Kommentare zu „Mit dem Tretroller zur Zugspitze – Tag 4-6: Allgäu bis Zugspitze

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